Geschichte der Pilzkunde

Die Affinität zu Pilzen haben alle drei Länder, in denen das Böhmerwaldgebiet liegt, gemeinsam. So hat sich das breitere mykologische Interesse durch das Sammeln von Pilzen zu Speisezwecken Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt und zur Gründung von Pilzkundlichen Vereinigungen Anfang des 20. Jahrunderts geführt. Bereits Mitte des 19 Jahrhunderts gab es an den großen Universitäten wie München, Prag und Wien, aber genauso in Budweis, Linz, Passau, Pilsen und Regensburg ein großes Interesse an der naturwissenschaftlichen Forschung. Bedingt durch die unterschiedliche politische Historie haben sich die ehrenamtliche und institutionell unterstützte Erforschung sehr unterschiedlich entwickelt. Dies macht eine differenzierte Betrachtung notwendig.

1. Der bayerische Teil des Böhmerwalds

Der östlich der Donau gelegende Teil des Regensburger Landkreises gehört zum Projektgebiet. Hier war bereits im 18. Jahrhundert mit dem auch mykologisch tätigen Universalgenie Jacob Christian Schaeffer ein berühmter Mykologe aktiv. 1762 bis 1764 veröffentlichte er die Natürlich ausgemahlten Abbildungen baierischer und pfälzischer Schwämme, welche um Regensburg wachsen in vier Bänden mit zahlreichen kolorierten Abbildungen. Die Erstbeschreibungen folgender Pilzarten gehen auf Schaeffer zurück: Agaricus sylvaticus, Boletus ferrugineusButyriboletus appendiculatus, Cerioporus squamosus, Chroogomphus rutilus, Clitopilus geminus, Craterellus lutescens, Gomphidius glutinosus, Paralepista flaccida, Russula cyanoxantha, Russula virescens, Russula xerampelina, Tricholoma pardinum/pardalotum. 

Buchtitel Schaeffer
Schmetterlingstramete
Schmetterlingstrameten aus Schaeffer 1762-1764

Erste, spärliche Angaben zu Pilzvorkommen im Bayerischen Wald finden sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts (TUBEUF 1887) und danach bei KILLERMANN (1917 und folgende). Ab den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts nahmen die Besuche und Publikationen von Mykologen zu (z. B. JAHN 1969). Mit der Gründung des Nationalparks Bayerischer Wald 1970 nahmen auch bundesweit der Bekanntsheitsgrad und das Interesse zu, insbesondere wegen einiger herausragender Gebiete mit urwaldähnlichen Strukturen, z. B. am Großen Arber und in der Falkensteinregion. Für die pilzkundliche Erforschung auf der bayerischen Seite des Projektgebietes sind die Aktivitäten des Botanischen Lehrstuhls der Universität Regensburg unter der Leitung von Prof. em. Dr. Andreas Bresinsky und seinem langjährigen Mitarbeiter Dr. Helmut Besl († 2013).

Von Beginn der 1980er Jahre bis hin zur Publikation von LUSCHKA (1993) als Pionierarbeit zu würdigen. Zahlreiche Diplomarbeiten und Dissertationen dienten der mykofloristischen Forschung zwischen Regensburg und der Lusenregion im Nationalpark Bayerischer Wald. Viele pilzkundliche Arbeiten wurden in den Fachzeitschriften "Regensburger Mykologische Schriften" und "Hoppea" der 1790 gegründeten Regensburgischen Botanischen Gesellschaft veröffentlicht. Ab 2005 wurde dann in der Nationalparkverwaltung eine Personalstelle im Sachgebiet Forschung für die Mykologie eingerichtet. Dies war die Grundlage für intensivere pilzkundliche Forschungsprojekte wie BIOKLIM (2006, 2016-2017), BIOHOLZ (2011-2020), deren Untersuchungsbereiche auch weit über die Grenzen des Nationalparks bis hinunter zur Donau und Isarmündung reichen. Mehr als die Hälfte der Verbreitungsdaten aus dieser Datenbank stammen aus den international bedeutsamen mykologischen Forschungsprojekten des Nationalparks. Grenzübergreifende Forschungsprojekte in enger Kooperation mit dem Nationalpark Sumava laufen seit 2016 mit dem Interregprojekt SILVA GABRETA (2016-2019).

Auch im Amateurbereich wird pilzkundliche Forschung betrieben. Die PAGO (Pilzkundliche Arbeitsgemeinschaft Ostbayern) ist eine Gemeinschaft von pilzaffinen Menschen, die gemeinsam Exkursionen, Vorträge und pilzkundliche Treffen im Großraum Regensburg-Oberpfalz veranstalten. In Passau bietet der Naturwissenschaftliche Verein im Rahmen seines Programms regelmäßig pilzkundliche Veranstaltungen an. Zwischen Regensburg und Passau waren auch einige pilzkundliche "Einzelkämpfer" beheimatet wie Hansjörg Gaggermeier († 2011), Max Kronfeldner (†) und Heinrich Holzer († 2019), der durch sein Buch "Fadenwesen" die Ästhetik und Faszination der Pilze verewigt hat. Heinrich Holzer war zudem Regionalbeauftragter der Bayerischen Mykologischen Gesellschaft, die seit 2006 mehrere Mykologische Tagungen und Veranstaltungen gemeinsam mit dem Nationalpark veranstaltet hat.

2. Der oberösterreichische Teil des Böhmerwalds

Zur Geschichte der praktizierten Pilzkunde in Oberösterreich liegt eine ausführliche Arbeit von FORSTINGER (2012). Demnach sind als Pioniere der Anfangszeit der Linzer Arzt und Naturforscher Karl Schiedermayr (*1818 †1895) und der Conviktsarzt Ignaz Sigismund Poetsch (*1823 †1884) zu nennen. Bis in die heutige Zeit spielt Linz mit dem heutigen Biologie-Zentrum eine zentrale Rolle bei der pilzkundlichen Erforschung der Region. Schon 1947 wurde die Mykologische Gesellschaft für Oberösterreich offiziell gegründet, nachdem sie schon im Oktober 1945 durch den späteren Minister Dr. Hans FRENZEL (*1895 †1966) ins Leben gerufen wurde. Die Mitteilungen der Mykologischen Gesellschaft für Oberösterreich zeugen von der Vereinstätigkeit.

Schiedermayr, Karl (Arzt und Naturforscher). Der Vater der Mykologie in Oberösterreich.

Karl Schiedermayr
Karl Schiedermayr certificate

Karl B. Schiedermayr (* 3. November 1818 in Linz; † 29. Oktober 1895 in Kirchdorf an der Krems) war ein österreichischer Arzt und Botaniker.

1856 nahm er die Verbindung zum aus Böhmen stammenden Mediziner und Botaniker Ignaz Sigismund Pötsch auf und begann mit diesem eine systematische Aufzeichnung der oberösterreichischen Kryptogamen. Hierbei widmete er sich im Speziellen der Bearbeitung der Algen und Pilze.

1989 wurde die „Mykologische Gesellschaft für Oberösterreich“ in „O.Ö. Verein für Pilzkunde“ umbenannt. 1995 wurde dieser Verein behördlich aufgelöst (Behördliche Vereinsdokumente downloadbar unter https://www.zobodat.at/zeitschriftinfos/Verein_Pilzkunde_Oberoesterreich.pdf).

Group

Teilnehmer  des mykologischen Arbeitstreffens am Langbathsee bei Ebensee. September 1984 (stehend von links: Pfaffl, Meidinger, Helm Forstinger, Schüssler, Heuberger, Julia Schüssler, sitzend von links: Pfaffl, Strnad, Helm, Silber, Heuberger fil., Heuberger).

Bis 1995 war Ing. Rudolf SCHÜSSLER (*1923 †2010) assistiert von seiner Frau Julia Leiter der Mykologischen Arbeitsgemeinschaft. Seine Funktion übernahm dann für ein Jahr DI Mag. Franz FÖLSER (*1965 †1996). Ein schweres Krebsleiden beendete am 15. Oktober 1996 sein Leben. Die Leitung der Arbeitsgemeinschaft ging daraufhin auf DI Helmut SCHLUDERMANN (*1940 †2015) über. Ihm war vor allem die Benutzung des Mikroskopes als wesentliche Bestimmungshilfe ein großes Anliegen. Ing. Friedrich SUETI (*1945), schon seit 1964 beider MYAG aktiv, übernahm 2006 die Leitung der Arbeitsgemeinschaft und übergab die Führung 2016 an Konsulent Dr. Otto STOIK (*1948), der die Arbeitsgemeinschaft seit dieser Zeit mit Engagement und starker öffentlicher Begleitung leitet.

Die MYAG als Arbeitsgemeinschaft am Biologiezentrum in Linz besteht aus ehrenamtlich tätigen, qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Bei den Pilzbestimmungsabenden, die alle 14 Tage von 18 – 21.30 Uhr stattfinden, werden unter fachkundiger Anleitung gesammelte Pilze bestimmt und erklärt. Bestimmungsbücher, Mikroskope und Chemikalien werden dabei eingesetzt. Interessante Funde werden dann präpariert und ins Fungarium eingereiht.

Im Winterhalbjahr finden vor allem Vorträge statt, einmal im Monat wird eine Exkursion in unterschiedliche Gegenden Oberösterreichs durchgeführt, vertiefende Schulungsseminare sowie mehrere jährliche Ausstellungen (unter der Regie von Helmut Pammer) an wechselnden Orten in Oberösterreich, stellen ein interessantes Angebot für pilzinteressierte Menschen dar. Die MYAG ist auch in überregionale Projekte, wie aktuell einer Erhebung der Pilze des Böhmerwaldes, einbezogen.

An der pilzfloristischen Erfassung des Projektgebietes sind auch einige Mitglieder Österreichischen Mykologischen Gesellschaft durch private Funderhebungen und Veranstaltungen der Gesellschaft beteiligt.

3. Der tschechische Teil des Böhmerwalds

Viele Menschen haben die Mykologie im Projektgebiet erforscht (Novohradské hory, Blanský les, Šumava, Český les) und die Ergebnisse ihrer Arbeit sind in verschiedenen Monographien, Sammelbänden, Forschungsberichten und internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht. Svrček (1965) bietet einen Überblick über Mykologen und ihre Veröffentlichungen aus früheren Zeiten, und Holec (2000) gibt einen Überblick über die Mykoflora von der Šumava und einige andere Veröffentlichungen. Viele Funde wurden nie veröffentlicht und einige überlebten als Belegexemplare in Sammlungen. Die größten Sammlungen von diesem Gebiet sind im Nationalmuseum in Prag (PRM), in Herbarsammlungen der Karlsuniversität in Prag (PRC) und im Südböhmischen Museum in Budweis (CB).

In Novohradské hory begann die Forschung erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Verantwortlich dafür waren zum Beispiel Jiří Kubička und Mirko Svrček. Dank Miroslav Beran und den Mitarbeitern des Mykologischen Clubs des Südböhmischen Museums gewann die Forschung vor allem im 21. Jahrhundert an Dynamik.

Der wahrscheinlich erste Mykologe in der Šumava war August C. J. Corda, der Autor des sechsbändigen Werks "Icones fungorum hucusque cognitorum" (1837–1854) und auch beispielsweise "Prachtflora europäischer Schimmelbildungen" (1839). Später arbeiteten in der Šumava beispielsweise František Bubák, František Fechtner, Karel Kavina, Karel Cejp, Jiří Kubička, Josef Herink, Antonín Příhoda, Mirko Svrček, František Kotlaba und Zdeněk Pouzar. Jan Holec führte umfangreiche Forschungen durch und an einigen Standorten führten z. B. Miroslav Beran, Anna Lepšová und andere intensivere Forschungen durch.

Václav Melzer war einer der ersten, der im Český les arbeitete (einschließlich der Gegend von Domažlice), später z. B. Ivan Charvát, Mirko Svrček, František Kotlaba, Svatopluk Holec und Rostislav Fellner.

Ab dem Beginn des 21. Jahrhunderts werden Untersuchungen in Naturschutzgebieten durchgeführt, deren Ergebnisse in den letzten Jahren in der Datenbank der Naturschutzagentur AOPK gesammelt werden und einige Funde wurden auch publiziert z. B. in Mykologischen Blättern.

 

Literatur und Links:

BÄSSLER C, KARASCH P, HAHN C, HOLZER H (2011): Die Arten im Nationalpark Bayerischer Wald - Pilze. Sonderband Biologische Vielfalt im Nationalpark Bayerischer Wald 4.1: 21-61.

FORSTINGER H (2012): Praktizierte Pilzkunde in Oberösterreich. Stapfia 96: 9-44.

Holec J (2000): Mykoflóra Šumavy – základní literární prameny a shrnutí biodiversity makromycetů v nejvýznamnějších biotopech [Mycoflora of the Bohemian Forest – basic literature and biodiversity of macrofungi in the main habitats]. Silva Gabreta 5: 69–82.

JAHN H (1969): Beobachtungen zu holzbewohnenden Pilzen im Böhmerwald. Ber. Bay. Bot. Ges. 41: 73-77.

KILLERMANN S (1917): Trüffeln und andere Hypogäen in Bayern. Kryptogamische Forschungen 1 (2): 78-79.

LUSCHKA N (1993): Die Pilze des Nationalparks Bayerischer Wald im bayerisch-böhmischen Grenzgebirge. Hoppea Bd. 53: 1-363.

SCHAEFFER JC (1762-1764): Fungorum qui in Bavaria et Palatinatu circa Ratisbonam nascuntur icones, nativis coloribus expressae.

Svrček M (1965): Současný stav mykologického výzkumu Československa [Über den gegenwärtigen Stand der mykofloristischen Durchforschung der Tschechoslowakei]. Česká Mykologie 19 (2): 85–99.

TUBEUF Kv (1887): Mittheilung über einige Feinde des Waldes. Allg. Forst. Jagdzeit. 63: 79-84.